ETC Home

Das Bettelverbot in den Medien

 

Bettelverbot neu spaltet das Land

Kleine Zeitung 8.2.2011

http://www.kleinezeitung.at/steiermark/graz/graz/2669160/menschenrechtsbeirat-besorgt-ueber-schaerferes-bettelverbot.story

 

 

Bettelverbot als Geburtstagsgeschenk?

Kleine Zeitung 8.2.2011

http://www.kleinezeitung.at/steiermark/2669625/bettelverbot-geburtstagsgeschenk.story

 

 

Menschenrechtsbeirat kritisiert Bettelverbot

ORF Steiermark 8.2.2011

http://steiermark.orf.at/stories/497663/

 

 

Gegen Bettelverbot in der Menschenrechtsstadt

Der Standard 7.2.2011

http://derstandard.at/1296696550902/Graz-Gegen-Bettelverbot-in-der-Menschenrechtsstadt

 

Jurist zerreißt Bettelverbot

Kleine Zeitung 12.1.2011

http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/politik/2634876/jurist-zerreisst-bettelverbot.story

 

 

Kronenzeitung 1999, Grazer Wocher 2006, Profil 1999 ... (pdf)

 

 

Organisierte Armut

Kleine Zeitung (G7), 23.5.2010

http://www.kleinezeitung.at/g7/2359070/organisierte-armut.story

Der Streit um die Bettler in Graz erreicht ein emotionales Finale. G7 machte den Selbstversuch und mischte sich unter die Bettler. Sebastian Krause versuchte sich einen Tag lang als Bettler in Graz.  

Sie sitzen einfach da. Sowohl im politischen als auch im realen Leben haben die Bettler in Graz seit Jahren einen festen Platz. Zu Dutzenden sitzen sie in der Innenstadt, alle fünfzig Meter ein verzweifeltes Gesicht, ein leerer Becher. Organisiert sollen sie sein, manche sogar kriminell, andere sind einfach nur Opfer. Der politische Streit um die Bettler geht auf ein emotionales Finale zu, denn im September wird gewählt. "Scheitern wir jetzt, wird das Betteln zum Thema im Wahlkampf": ÖVP-Klubobmann Christopher Drexler heizt die Stimmung an.

08:15 Uhr, Herrengasse: Ich trage eine Trainingshose, alte, kaputte Schuhe und eine Jacke, deren Kapuze ich mir möglichst weit ins Gesicht ziehe. Es fehlt an den Falten, an der ausgezehrten Haut über den markanten Knochen, am dunkleren Teint. Während ich mich hinsetze, überkommt mich ein Gefühl der Scham. Man gesteht öffentlich, nichts zu haben. Ich gestehe öffentlich, auf Geschenke angewiesen zu sein, darum zu bitten. Und ich lüge. Es wird mein Tag unter Bettlern, ein Experiment in Selbstachtung.

Am 2. Juni tagt der Unterausschuss des Landtags, nach Monaten des Streits stehen SP und VP nun unter Druck. Angesichts der Wahlen wäre eine Lösung dringend notwendig, doch eine Einigung der beiden Großparteien ist nicht in Sicht: "Wir glauben nicht mehr an ein neues Gesetz vor der Wahl", gibt sich Drexler skeptisch. Sein rotes Gegenüber, Walter Kröpfl, sieht das ähnlich: "Ein generelles Bettelverbot wird es mit der SPÖ nicht geben - weder vor noch nach der Wahl."

Während die SPÖ seit einigen Monaten bereit ist, zumindest über ein "sektorales Verbot" zu diskutieren, will man bei der ÖVP das Betteln generell verbieten. Erfahrungen aus Salzburg und Tirol würden zeigen, dass sich nur ein generelles Verbot in der Realität auch umsetzen ließe. Das "Modell Wien", wo nur das organisierte und gewerbsmäßige Betteln verboten wird, offenbart seine Schwächen spätestens auf der Straße: Wo beginnt Organisation?

09:00 Uhr, Herrengasse: Immer mehr Bettler kommen aus allen Seitengassen. Sie sind einfach da, wie aus dem Nichts und alle gleichzeitig. Es macht den Eindruck eines normalen Arbeitstages: Die Schicht beginnt. Nur wenige Minuten vergehen, dann entdecken sie mich. Erst einer, dann zwei, dann viele: Sie stehen vor mir, fragend und mit freundlicher Miene. Lächeln werde ich sie danach nicht mehr sehen. Sie reden auf mich ein - Bulgarisch, Ungarisch? Ich verstehe sie nicht. Nach kurzer Zeit wirken sie ob meiner Verständigung mit Händen und Füßen skeptisch und Nervosität macht sich spürbar breit. Minuten später kann ich keinen von ihnen mehr sehen.

Über die Jahre kamen auch Bettler aus Bulgarien nach Graz und trafen auf jene aus der Slowakei, die seit Jahren von "Bettler-Pfarrer" und Vinzidorf-Leiter Wolfgang Pucher betreut werden. Er kennt die Geschichten hinter den verzweifelten Gesichtern.

Etwa 70 bis 80 Bettler halten sich pro Tag in Graz auf, ein Großteil davon ist im Vinzinest untergebracht: ?Die meisten sind Roma aus dem Osten der Slowakei, nur eine Handvoll Bulgaren hat sich Wohnungen gemietet“, so Pucher. Von einer kriminellen Organisation hinter den Bettlern will er nichts wissen, da ?fast alle verwandt sind – es handelt sich um eine große Familie“.

Die Ursache der Debatte sieht Pucher im unterschwelligen Rassismus gegen die Roma: „Es ergeht ihnen nicht anders als den Juden.“ Angeheizt wird diese Stimmung auch vom BZÖ, das seit 2006 auf eine Volksbefragung zu den Bettlern drängt. Der Wahlkampf wird ein schmutziger, er wird auf den Schultern der Knienden ausgetragen werden.

13:00 Uhr, Stempfergasse: Ich sitze alleine. Die anderen, echten Bettler haben ihre Stellungen mit reichlich Laufkundschaft bezogen, hier können sie mich nicht sehen. Mein Blick richtet sich auf den Boden, ab und an traue ich mich, den Blickkontakt zu den Passanten zu suchen. Der Wind ist kalt und ich ziehe meine Jacke weiter zu. Plötzlich ein Geräusch. Ein Euro landet hart auf dem Boden meines Plastikbechers und in mir kommt ein seltsames Gefühl der Freude auf. Ich bedanke mich flüsternd, doch der Spender scheint im Gewusel der Beine und Einkaufstaschen verschwunden. 

Eine „Bettlermafia“ kann auch die Polizei nicht bestätigen. Gerhard Lecker, Leiter der Sicherheitsabteilung der Grazer Polizei, spricht von ?organisierten, aber nicht kriminellen Strukturen“. Die oft zitierte Ausbeuterei oder gar Hintermänner konnten im Zuge einer internen Untersuchung Anfang des Jahres nicht festgestellt werden. 

19:00 Uhr, Hauptplatz: Elf Euro, zwanzig Cent an einem Tag. Immerhin. Die Geschäfte sperren zu und ich beobachte die Bettler. Viele sind schon weg, nur eine kleine Gruppe ist noch da. Einer geht ständig auf und ab, trifft die anderen, telefoniert mit seinem Handy. Er wirkt besser gekleidet als die anderen Bettler. Dann bemerkt er mich, wird skeptisch. Immer wieder verschwindet er mit anderen in kleinen Seitengassen, sie öffnen ihre Rucksäcke. Und plötzlich, ich habe kaum eine halbe Minute weggesehen, sind sie fort. So schnell, wie sie gekommen sind.  

(Sebastian Krause)

 

Lebenslänglich sitzen

Falter 43/2006 vom 25.10.2006

http://www.falter.at/web/print/detail.php?id=370

Um die Grazer Bettler ranken sich unzählige Gerüchte, stimmen tun die wenigsten. Dennoch heizen lokale Politiker und Medien die Stimmung gegen die Roma, die vor allem aus bitterarmen Gebieten der Slowakei in die Stadt kommen, weiter an.

… In Graz machen seit Jahren unzählige Gerüchte über die Bettler die Runde, sie haben alle eines gemeinsam: Sie lassen sich nicht beweisen, viele sind auch schlicht und einfach falsch. Im schlimmsten Fall wird den Bettlern, von denen die meisten aus dem slowakischen Gebiet Rimavská Sobota stammen, vorgeworfen, hinter ihnen stünde die Mafia. Im besten Fall heißt es, sie hielten die Hand auf, obwohl sie nicht müssten und sie seien „organisiert“. In diesem Vorwurf schwingt mit, dass es einen sogenannten „Buchhalter“ gebe, der die anderen betteln schicke und abkassiere.

Diesem Vorwurf geht Pfarrer Pucher seit nunmehr zehn Jahren nach, er hat aber nie auch nur einen einzigen Anhaltspunkt gefunden, der den Vorwurf bestätigen würde. Dass Politiker und lokale Medien weiterhin von „organisierter Bettlerkriminalität“ sprechen, treibt Pucher zur Weißglut. Erst kürzlich hat er für das katholische Sonntagsblatt einen Gastkommentar zum Thema verfasst, aus dem die Redakteure allerdings folgenden Satz herausstrichen: „Die größte organisierte Bettelorganisation Österreichs ist die Kirche. Und sie ist noch dazu aggressiv, weil sie die Leute moralisch unter Druck setzt.“

Seine Gegner werfen nun sogar Pfarrer Pucher selbst vor, Geld von den Bettlern zu bekommen und den Transport zwischen ihrem Heimatort Hostice und Graz zu organisieren. Ein bloßes Gerücht: Die rund hundert Bettler aus dem Großraum von Hostice kommen mit ihren eigenen Autos nach Graz, und das nun bereits seit zehn Jahren. Mehrere Personen teilen sich ein Auto. Die Fahrt von Hostice nach Graz und zurück kostet dreißig Euro – da gibt es keinen Nachlass, wer nicht zahlen kann, muss zu Hause bleiben. Das ist zwar hart, von mafiaähnlichen Strukturen fehlt aber jede Spur, wie auch die Grazer Polizei bestätigt: „Die einzelnen Familien agieren eher eigenständig, es gibt nicht die eine Person, die bei den anderen abkassiert“, sagt Gerhard Lachomsek von der Kriminalpolizei. Josef Lipp von der Abteilung Menschenhandel ermittelt derzeit wegen einer Anzeige des BZÖ wegen Verdachts auf Menschenhandel in der hiesigen Bettlerszene. Lipp steht kurz vor Abschluss der Ermittlungen: „Bisher waren keine Menschenhandelstrukturen erkennbar.“ Nicht bestreiten lässt sich, dass Pfarrer Pucher den Bettlern hier in Graz Unterkunft und Nahrungsmittel „organisiert“, um ihnen zu helfen. Dadurch kennt er die einzelnen Personen seit Jahren beim Namen und hilft nach Meinung der Polizei, auch das Herausbilden einer Mafia zu verhindern. Lachomsek: „Wir haben es sicher auch Pfarrer Pucher zu verdanken, dass es die organisierte Bettlerkriminalität bei uns nicht gibt.“

Unorganisiert sind die Grazer Bettler deshalb freilich nicht: Kurz vor sechs Uhr Abends drängt sich eine Gruppe vor der massiven Eisentür des Vinzinest in der Grazer Kernstockgasse – wer zuerst kommt, hat Chancen auf ein Bett und eine warme Mahlzeit. Der Rest muss draußen schlafen, am Grazer Müllplatz, im Volksmund Sturzplatz genannt. „Sie sind nur schmutzig und arm – sonst sind sie nichts“, erklärt Gustl Eisner, der das Vinzinest seit zehn Jahren führt. In zwei Schlafsälen reihen sich die Stahlrohrstockbetten aneinander, im ersten Stock gibt es als einzigen Luxus einen Fernsehapparat. Im Vinzinest können die Männer sich waschen und schlafen, wenn sie rechtzeitig kommen und die Regeln befolgen: kein Alkohol, keine Frauen, und wenn Herr Gustl sagt, dass Ruhe ist, dann gilt das.Um sieben Uhr früh am nächsten Tag müssen sie wieder draußen sein, dann trinken sie noch schnell einen Automatenkaffee und suchen sich einen Bettelplatz für den Tag. Auch hier gilt: Wer zuerst kommt, kriegt den besten. „Gute Plätze gibt es nicht mehr“, meint Feri. „Seit der Euro-Umstellung, werfen die Leute viel weniger.“ Früher habe er manchmal 500 Schilling an einem Tag verdient. Und heute? Ali streckt den Arm aus und zeigt, was er an diesem Tag erbettelt hat: zwei Euro und ein paar Zerquetschte. Warum sie nicht arbeiten gehen, wie die Rumänen, die im Vinzinest im ersten Stock schlafen? „Hier hat jeder seinen Bereich“, erklärt ein anderer Vinzinest-Bewohner. „Die Slowaken betteln, die Rumänen gehen auf den Arbeitsstrich. Wenn wir dort auftauchen, setzt es Prügel.“ Stadtpolizeichef Kurt Kemeter vermutet auch den umgekehrten Fall: „Wenn slowakische Bettler auf bulgarische treffen, gibt es Streit.“ Das kommt allerdings kaum vor – in Graz gibt es lediglich eine Handvoll bulgarischer Bettler, die in der Herrengasse sitzen, wo die Slowaken sich nicht blicken lassen. In den Sommermonaten drehen ein paar rumänische Frauen und Kinder ihre Runden. Die Roma aus Hostice dominieren die Grazer Bettlerszene. Pucher: „Jeder, der her kommt, sieht, dass alle hundert Meter schon ein Bettler sitzt – da macht es keinen Sinn, wenn noch andere kommen.“Das Betteln in Graz läuft nach Regeln ab, die Bettler „organisieren“ sich Unterkunft und Essen, teilen sich die Plätze auf. Dass dahinter keine kriminellen Strukturen stecken, sieht jetzt auch die Grazer VP ein. Nun versucht Gemeindrat Thomas Rajakovics, mit Belegen und Tabellen über die Höhe der Sozialhilfe in der Slowakei zu beweisen, dass die Roma gleich viel Sozialhilfe bekommen wie alle anderen Slowaken.

Was dabei nicht erwähnt wird: Roma sind in der Slowakei benachteiligt und leben oft in Ghettos. Viele haben keinen Beruf erlernt, keine Chance auf eine Ausbildung und werden aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit am Arbeitsmarkt diskriminiert.Schützenhilfe bekommt die ÖVP vom Verein Spolu aus der Slowakei, der vor Ort Bildungsprojekte für Roma leitet. „Roma haben andere Prioritäten: Gutes Essen ist ihnen wichtiger als Bildung oder wie ihre Wohnung aussieht“, erklärt Darina Tököliová, die selbst Romni ist. Auf dem Weg durch die Sporgasse sieht sie eine ältere Frau, die auf dem Gehsteig kniet, in der Hand ein Foto von ihrem Kind, das angeblich eine Operation braucht. Frau Tököliová wird wütend: „Das stimmt nicht, in der Slowakei gibt es ein staatliches Gesundheitssystem“, herrscht sie die Frau an. Und zu einem anderen Bettler: „Sie bekommen Sozialhilfe – warum betteln Sie?“ Tököliová meint auch, dass bei Hilfsprojekten zum Einstieg in die Arbeitswelt in Hostice Plätze frei blieben, weil die Leute lieber nach Graz kämen, um zu betteln. Ein weiteres Gerücht? Tököliová kommt jedenfalls zu dem Schluss: „Die Bettler aus Rimavská Sobota sind keine wirklichen Roma, keiner von ihnen bekenne sich zu dieser Minderheit. Und: Echte Roma betteln nicht.“„Wir sind Roma“, klingt es wie aus einem Mund, wenn man die Bettler am Sturzplatz nach ihrer Herkunft fragt. Sie haben sich zwischen ihren Klapperkisten zusammengedrängt, auf den Nummernschildern steht RS für Rimavska Sobota.Von der Müllhalde weht ein modriger Geruch herüber, setzt sich in den Kleidern der Menschen fest. Jetzt beginnt die harte Zeit für die Bettler am Sturzplatz: Wenn es dunkel wird, ist es schon zu kalt, um draußen zu stehen. Bald wird es auch nicht mehr ausreichen, sich im Auto in Schlafsäcke und Decken einzuwickeln.
„Wir dürfen nicht mal kurz den Motor einschalten, um das Auto anzuwärmen – dann kommt die Polizei, und du zahlst zwanzig Euro“, erzählt ein junger Mann. Die Bettlerin Eva umfasst ihre Schulter mit den Händen. Sie ist eine der wenigen Frauen hier und noch nicht lange im Geschäft – sie sieht noch jung aus, noch nicht verbraucht vom Leben auf der Straße und dem schlechten Essen. Eier und Semmeln sind alles, was sich die Bettler als Abendessen gönnen, den Rest sparen sie für die Familie zu Hause. „Wir müssen zu viert von 8000 Kronen (200 Euro, Anm.) leben“, klagt Eva. Allein der Schulbus für ihren Sohn koste 2000 Kronen im Monat. „Wir wollen nicht herkommen, aber zu Hause haben wir überhaupt keine Chance.

(Donja Noormofidi)

 

Im Schatten der Stadt

Kleine Zeitung (G7), 27.9.2010

http://www.kleinezeitung.at/g7/2495443/schatten-stadt.story

Alle reden über die Roma in Frankreich und Italien. Aber was ist eigentlich mit den Roma in Graz? Gabriel erzählt, G7 hat zugehört.

Die Sonne bäumt sich noch einmal kräftig auf. Die Schanigärten sind besetzt wie im Juli, die Menschen schlecken Eis. Es ist ein schöner Tag.

Ein schöner Tag. Das bleibt Gabriel seit Jahren verwehrt. Der 32-jährige Mann greift in die Säckel seiner Trainingshose, nimmt eine Handvoll Münzen heraus. "Das sind nicht mehr als fünf Euro, zu viele Fünf-Cent-Münzen", sagt er. "Kein guter Tag."

Gabriel ist Wahlgrazer auf Zeit. Unfreiwillig. Seit zwölf Jahren kommt er hierher, in die Nähe eines Diskonters in Lend. Sein Deutsch ist gebrochen, aber gut verständlich. Drei Wochen pro Monat bleibt er da. Er kommt, um zu betteln, um seine Frau und die drei Kinder zu Hause in Hostice, einer kleinen Gemeinde in der Mittelslowakei, durchzufüttern. Irgendwie. Er kommt, weil es seine allerletzte Chance ist.

Gabriel zählt zur größten Romagruppe in Graz: jener der ungarischen Minderheit in der Slowakei. Eine genaue Zahl, wie viele Roma in Graz Quartier beziehen, gibt es nicht. "Die Statistik weist eine Zahl von 1200 für die ganze Steiermark auf, genau sagen lässt sich das nicht", sagt Rudolf Sarközi, Obmann des Kulturvereins österreichischer Roma. Organisiert oder öffentlich sichtbar wie jene in Oberwart seien die Grazer Roma nicht. "Es gibt vielleicht die eine oder andere Mischehe mit Roma-Hintergrund. Dass jemand wirklich integriert ist? Schwer vorstellbar."

Die letzte Zuflucht

Die, die aus der Slowakei kommen, kennt Gustl Eisner alle. Erfahrungswerte. Irgendwann hat schon jeder von ihnen bei ihm an der grünen Tür in der Kernstockgasse geläutet, dem Vinzinest, Zufluchtsstätte für ausländische Obdachlose. "Die, die Hunger haben, kenne ich", sagt Eisner. Pause. "Und das sind fast alle."Gustl Eisner schätzt die Zahl der slowakischen Roma in Graz auf rund 60 und in Summe mit den rumänischen und ungarischen Roma, die ständig hier leben, auf knapp 100. Viele betteln, manche spielen Musik, andere arbeiten illegal.

Wer anläutet, seinen Vinzinest-Ausweis zeigt und einen Euro durch den Fensterschlitz steckt, darf rein. Ein Abendessen, ein Stockbettplatz, sich und seine Kleider waschen. Mittwoch, 17 Uhr. Der Innenhof füllt sich. Zwei Betten sind noch frei, rechnet der Zivildiener vor. Immer wieder läutet es. "Ja, grüß dich!", ruft der Leiter durch den Schlitz.

Gustl Eisner ist einer mit einem riesengroßen Herz und einem eisernen Willen. Seit er in Pension ist, packt er an. "Bei mir braucht niemand im Freien schlafen", sagt er. "Kann ich schon duschen?", fragt ein Mann mit einem Gitarrenkoffer auf dem Rücken. "Nein, bitte warte noch, die Elena putzt noch."

Elena, sagt er, ist unser aller Boss. Er lacht. Was das heißt, merke man, wenn man ab 18 Uhr im Speisesaal sitzt. Es wird gelöffelt: Nudelsuppe, später Gulasch. Es ist still: trotz der rund 50 Männer, Frauen und Kinder im Saal.

Die Problemlage

Gabriel hat das Bett mit der Nummer 22. "Wann fährst denn zurück?", fragt Eisner. "In drei Tagen", sagt er. Dieses Mal wird es besonders hart. Die 230 Euro, die er für das Heizholz bräuchte, hat er nicht beisammen. Seine Bilanz nach 20 Tagen Graz: 130 Euro. Zu wenig. Gabriel senkt die Lider.

Manchmal, erzählt der gelernte Tischler, könne er für Leute arbeiten, ihre Sträucher schneiden etwa. Bis zu sieben Euro pro Stunde brächte ihm das.

"Meine Roma", so Eisner, "sind arme Teufel, sie sind nicht Teil einer organisierten Gruppe, sie betteln, weil es das Letzte ist, was sie tun können, um ihre Familie zu ernähren." Viele sind Analphabeten ohne Ausbildung. Dass die Politik das Bettelthema vereinnahmt hat, verstehe er nicht.

In einem Punkt bleibt er hart: "Betteln mit Kindern gehört verboten. Kinder gehören in die Schule. Dieter Halwachs, Professor am Institut für Sprachenwissenschaft, forscht seit Jahren zum Thema: "Das ist ein soziales Problem, das ethnisiert und hochgeschaukelt wird", sagt er.

Nächster Tag, sieben Uhr. Die Wahlgrazer werden entlassen. Ohne Frühstück, mit Automatenkaffee im Magen. Es wird kein schöner Tag für sie werden.

(Julia Schafferhofer)

 

Der Hinterhof Europas

DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2008

http://derstandard.at/3350386

 

Trotz EU-Förderprojekte lebt in der Slowakei nahe der ungarischen Grenze ein Gutteil der Roma in Notquartieren - Mit Unterstützung engagierter Österreicher versuchen einige, sich selbst zu helfen

Vom alten Schlösschen am Dorfeingang stehen nur noch die Grundmauern. Dahinter türmt sich Unrat - vom alten Schuh bis zur kopflosen Barbie. Das vor mehr als 200 Jahren von einem reichen Gutsherrn errichtete Gebäude diente während des Kommunismus der landwirtschaftlichen Genossenschaft als Verwaltungszentrum. Als nach der Wende die maroden Staatsbetriebe zusperrten, stand das prächtige Gutshaus leer.

Allerdings nicht lange. In Hostice, einer ostslowakischen 900-Einwohner-Gemeinde nahe der ungarischen Grenze mit hohem Roma-Anteil, bleibt nämlich kaum ein verlassenes Gebäude unbewohnt. Mehr als 50 Menschen hausten bis vor ein paar Jahren im alten Schlösschen. Auf die Frage, wohin die alle verschwanden, wenn sie mal wohin mussten, will Bürgermeister Ondrej Berki, weißes Hemd, schwarze Lederschuhe, Zigarette Marke "Sparta Classic" im Mundwinkel, nicht näher eingehen. Eine unbestimmte Handbewegung, die das unwegsame Gelände rund um das Schloss einschließt, muss als Antwort reichen.

Roma-Siedlung im Bau

"Es war klar, dass die Leute so schnell wie möglich da raus mussten", sagt der 61-Jährige, selbst Rom und seit zehn Jahren Oberhaupt der Gemeinde. 2005 zogen die ersten Familien in die von der EU geförderten Sozialwohnungen, inzwischen ist eine zweite Roma-Siedlung im Bau. Besonders komfortabel sind die neuen Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen, in die mehrköpfige Familien einziehen sollen, nicht. Aber immerhin verfügen sie über Bad und Küche; für einen Gutteil der in der Slowakei lebenden Roma nach wie vor nicht selbstverständlich. Daran haben auch die rund 65 Millionen Euro, die die Union in den vergangenen Jahren in Hilfsprojekte steckte, nicht viel geändert.

Zwei Drittel der Bürger von Hostice sind Roma, die Volksgruppe ist in dieser Region seit dem Mittelalter ansässig. Statt Romanes sprechen sie heute Ungarisch. Die wenigsten haben Arbeit. Mehrere Generationen wohnen gemeinsam in halbverfallenen Häusern oder Baucontainern. Man lebt von Almosen und Gelegenheitsjobs.

Weil der Großteil der Bettler, die in Graz unterwegs sind, aus Hostice und Umgebung kommen, versucht der Gründer der Grazer Vinzenzgemeinschaft, Wolfgang Pucher, vor Ort zu helfen. Seit kurzem produzieren einige Frauen aus dem Dorf Nudeln, die von Vinzi-Mitarbeitern nach Österreich gebracht und dort verkauft werden.

Besuch bekommen einige Roma-Familien aber auch regelmäßig von Heinz Kumpf und Toni Fleihaus. Nach dem die beiden eine TV-Dokumentation über die Situation von Roma in der Slowakei gesehen hatten, beschlossen sie, selbst Kleidung, Kleinmöbel und Haushaltsgeräte zu sammeln und in die Ostslowakei zu bringen. Inzwischen haben Kumpf und Fleihaus, gemeinsam mit einigen engagierten Freunden und Bekannten, den Verein "Roma Direkthilfe" (direkthilfe-roma@gmx.at) gegründet und bringen alle zwei Monate Hilfsgüter aus Österreich nach Hostice.

Dabei hat sich der Verein das ehrgeizige Ziel gesetzt, einzelne Familien beim Aufbau einer eigenen Existenz zu unterstützen. Menschen, die seit 20 Jahren - vor der Wende arbeitete praktisch jeder in der Landwirtschaft - von Sozialhilfe und Almosen leben, sind allerdings schwer zu motivieren.

Betteln kein Problem

"Betteln ist für die meisten kein Problem", sagt Fleihaus "wenn man die Leute aber fragt, was sie für ihren Lebensunterhalt brauchen, bekommt man selten eine schlüssige Antwort." Hin und wieder treffen die Österreicher aber dann doch auf Menschen, die sich selbst helfen wollen: Susa Danyi zum Beispiel. Sie baut gemeinsam mit ihrer Familie auf dem kleinen Stück Acker vor ihrem Haus Gurken an, im Herbst will sie das Gemüse einlegen und den Direkthilfe-Leuten mitgeben. Dabei hat Danyi um jeden Cent, den der Familie pro in Österreich verkauftem Glas Gurken übrig bleiben soll, hart gekämpft. Es soll sich schließlich auszahlen, dass man sich einen Sommer lang abrackert.

"Es ist schwierig, den Leuten begreiflich zu machen, dass man nachhaltig helfen will", sagt Direkthilfe-Gründer Kumpf "aber solche Projekte sind ein guter Anfang."

(Martina Stemmer)